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Nichtwissenskulturen


Analysen zum Umgang mit Nichtwissen im Spannungsfeld von epistemischen Kulturen und gesellschaftlichen Gestaltungsöffentlichkeiten

In den verschiedenen Sparten der Wissenschaftsforschung sowie der Umwelt- und Risikopolitik wird seit gut 20 Jahren die wachsende theoretische und empirische Bedeutung von Nichtwissen konstatiert. Eine vorsorgeorientierte Politik kann sich deshalb nicht im Bearbeiten von wohldefinierbaren Risiken erschöpfen, sondern muss der Problematik des Nichtwissens Aufmerksamkeit schenken. Es waren die Vielzahl von im nachhinein aufgedeckten Fällen "unerkannten Nichtwissens" der Wissenschaft, sei es z.B. bei den ozonzerstörenden FCKW oder der Rinderseuche BSE, die dieser Forderung ihre empirische Evidenz und politische Bedeutsamkeit verleihen. Bisher ist die Ratlosigkeit im Umgang mit Phänomenen des Nichtwissens allerdings groß - differenzierende Studien deshalb notwendig.

Dazu ist aber ein Perspektivenwechsel angezeigt. Wenig erfolgversprechend ist die Frage, wie die Wissenschaft und die Politik mit dem Nichtwissen umgehen. Das übergreifende Ziel unseres Vorhabens lautet vielmehr: Anhand ausgewählter aktueller Risikokontroversen sollen Formen, Möglichkeiten und Grenzen des Umgangs mit Nichtwissen im Spannungsfeld zwischen jeweils unterschiedlichen "epistemischen Kulturen" der Wissenschaft einerseits, gesellschaftlichen Problem- bzw. Gestaltungsöffentlichkeiten und "Nichtwissens-Diskursen" andererseits analysiert werden. Im Mittelpunkt des Interesses steht dabei, welche unterschiedlichen Reaktionsformen und (innovativen) Perspektiven sich erkennen lassen und wie sie u.U. für die politische Risikoregulierung, für die Erhöhung des Reflexionspotenzials der Wissenschaft im Umgang mit Nichtwissen sowie für die Gestaltung des Verhältnisses von Wissenschaft und Gesellschaft genutzt werden können.

Deshalb ist neben der analytischen Differenzierung von Konzepten wie "epistemische Kulturen", "Nichtwissen" oder "Gestaltungsöffentlichkeiten" vor allem die Untersuchung von Fallbeispielen relevant. Mit den Debatten um grüne Gentechnik und Mobilfunk haben wir zwei Untersuchungsfelder ausgesucht, die zum einen von konfrontativen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um mögliche negative Nebenwirkungen geprägt sind, zum anderen aber ebenso schon ein etabliertes Netz institutionalisierter Regelungen aufweisen. Sie lassen deshalb einen besonderen Ertrag hinsichtlich der wissenschaftssoziologischen wie risikopolitischen Analyse erwarten. In einem Expertenworkshop am Schluss des Projektes werden die Ergebnisse mit wissenschafts- und risikopolitisch relevanten Akteuren diskutiert, um Möglichkeiten des Ergebnistransfers in Gestaltungs- und Entscheidungsprozesse zu erkunden und zu fördern.

Projektdauer: 01.12.2003-30.04.2007

Projektleiter:
Dr. Stefan Böschen
Dr. Jens Soentgen
Dr. Peter Wehling

Wissenschaftliche Mitarbeiter:
Dr. Karen Kastenhofer
Dr. Ina Rust

Veranstaltungen:
"Zeit der Zukunft – Über den Umgang mit Nichtwissen", Tagung vom 28.-30.04.06 in Tutzing. [Tagungsbericht]
"Nichtwissen in der Wissensgesellschaft", Experten-Workshop vom 01.-02.02.07 in Augsburg. [Programm]

Artikel und Veröffentlichungen zum Thema:

  • Kastenhofer, Karen; Rust, Ina (2005): Orientierung im Nebel. Kulturen des Nichtwissens. In: politische ökologie 95: Wissenslücken. Zwischen Informationsflut und kollektivem Gedächtnisschwund. oekom verlag, München, S. 50 ff.
  • Soentgen, Jens (2006): Forscher im Nebel (duz MAGAZIN 02 / 2006)
  • S. Böschen, K. Kastenhofer, L. Marschall, I. Rust, J. Soentgen, P. Wehling 2006: Scientific Cultures of Non-Knowledge in the Controversy over Genetically Modified Organisms (GMO). The Cases of Molekular Biology and Ecology, in: GAIA, 15/ 4 (2006): 294-301.
  • Wehling, Peter (2006): Im Schatten des Wissens? Perspektiven der Soziologie des Nichtwissens, Konstanz (UVK-Verlag).
  • Wehling, Peter (2006): Umgang mit Nichtwissen, in: Fülgroff, G./ Schlipkötter, H.W./ Wichmann, H.E. (Hg): Handbuch der Umweltmedizin, Landberg: ecomed, 34. Ergänzungslieferung, August 2006.
  • Böschen, Stefan (2007): Reflexive Wissenspolitik: die Bewältigung von (Nicht-) Wissenskonflikten als institutionen-politische Herausforderung, in: Feindt, P./ Saretzki, Th. (Hg.): Umwelt- und Technikkonflikte, Wiesbaden.
  • Soentgen, Jens (2007): Folien zum Vortrag über das argumentum ad ignorantiam in den Risikodiskursen Mobilfunk und Grüne Gentechnik. Vorgetragen auf der Tagung der Herausgeber der Zeitschrift GAIA in Augsburg. [pdf]