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Kalk - Kulturgeschichte eines Stoffes


Das Projekt Kalk soll im Rahmen des WZU - Schwerpunktthemas „Stoffgeschichten“ durchgeführt werden. Das Untersuchungskonzept ist in 2002 entwickelt worden auf der Basis einer umfangreichen Literaturrecherche zu den Themenbereichen Vorkommen, Abbau- und Bearbeitungstechniken, Transport, Logistik und Handel, Material- und Industriegeschichte, sowie Kunst- und Kulturgeschichte. Die Arbeiten wurden mit dem Ziel einer Drittmittelförderung durchgeführt. Im September 2002 wurde ein Antrag bei der Fritz – Thyssen – Stiftung auf Förderung des Projekts für eine Laufzeit von 2 Jahren gestellt.

Das Projekt will eine Kulturgeschichte des Stoffes Kalk ausarbeiten, die auf Kalk – Artefakte steinzeitlicher, mesopotamischer, ägyptischer, kykladischer, griechischer, römischer und der Renaissance-Kultur ausgerichtet sein soll. Intendiert ist eine Geschichte der kulturellen Aneignung des Stoffes Kalk, die in den symbolischen und ikonischen Formen, i. e. Statuen, Reliefs, Skulpturen etc. ihre jeweils spezifische Gestalt gefunden hat. Die Rekonstruktion und der Vergleich der kulturellen Konstellationen und der ihnen zugehörenden Kalkartefakte soll zeigen, dass und in welcher Weise Kalkstein die thematisierten Kulturen geprägt hat.

Im Rahmen des Schwerpunktthemas „Stoffgeschichten“ des WZU soll am Beispiel des Stoffes Kalk gezeigt werden, dass Stoffe nicht nur chemisch und physikalisch, sondern auch kulturgeschichtlich bedeutsam sind. Stoffe sind nicht einfach gegeben, sondern immer schon Erzeugnis kultureller Praktiken und Entwürfe. Die projektierte Kulturgeschichte des Stoffes Kalk hat in diesem Gesamtrahmen den ausgezeichneten Stellenwert, das geschichtliche Wechselverhältnis von Stoffen mit menschlicher Praxis und symbolischer Form beispielhaft darzustellen. Ein Aspekt des Konzepts der Stoffgeschichten ist, die historischen Formen des Umgangs mit der stofflichen Natur ins Verhältnis zu setzen zu den gegenwärtig dominierenden naturwissenschaftlich – technischen Formen ihrer Beherrschung. Hierzu soll die Kulturgeschichte des Stoffes Kalk beitragen.

Die Begegnung der Kulturen, sei es in friedlicher oder kriegerischer Absicht, erzeugt Begehrlichkeiten nach unbekannten Stoffen und Produkten. Die Folge davon sind Raub und/oder die Weitergabe von Ideen, die dann an einheimischen oder eingeführten Materialien umgesetzt und weiterentwickelt werden. Exemplarisch können hierfür die Begegnung der Griechen mit der ägyptischen Kultur und ihren monumentalen Steinskulpturen im 7. Jhdt. v. Chr. genannt werden und der Beginn eines stetig anwachsenden Marmorabbaus in Griechenland mit der Schaffung überlebensgroßer Statuen, sowie die Begegnung der Römer mit der griechischen Kunst ab dem 2. Jhdt. v. Chr. und der in der Folge einsetzenden Hellenisierung der römischen Kunst.

Die Gesteinsnutzung, die im Neolithikum mit dem Aufsammeln loser Steine und der Bearbeitung dieses Materials wiederum durch Steinwerkzeuge (vorzugsweise Obsidian oder Flintstein) ihren Anfang nimmt, erreicht in den Hochkulturen (Mesopotamien und Ägypten) hinsichtlich der Menge des dann vom Fels gebrochenen Gesteins solche Ausmaße, dass Gesteinsabbau zu einem logistischen Unternehmen mit höchsten Anforderungen wird. Ein bestimmtes gesellschaftliches Entwicklungsniveau mit entsprechend ausgebildeten Sozialstrukturen wird zur notwendigen Voraussetzung. Die römische Kultur ist beispielhaft dafür, wie durch eine nochmalige Steigerung der logistischen und im Zuge von Eroberungen und Weltmachtstellung eingeführten ökonomischen und verwaltungstechnischen Maßnahmen, die Ausbeutung aller bedeutenden europäischen, kleinasiatischen und nordafrikanischen Steinvorkommen erreicht wird und sich eine bis dahin nicht gekannte Massenproduktion mit entsprechendem Massenkonsum entwickelt.

Die Bedeutungszusammenhänge der hergestellten Artefakte sind zunächst ausschließlich auf einen kultischen-religiösen Sinn bezogen, zu dem dann in den Hochkulturen eine Macht und Herrschaft demonstrierende Komponente hinzukommt. In der griechischen und römischen Antike erweitert sich das Bedeutungsspektrum der Statuen nochmals ganz entscheidend um profane und ästhetische Aspekte. Von Bedeutung ist insbesondere der in der griechischen Kultur vollzogene Wandel von der schematischen, nach Proportionsverhältnissen gearbeiteten Statue hin zur mimetischen, naturgetreuen Abbildung des Menschen.

Weitere Informationen:
Prof. Dr. Armin Reller, Dr. Sigrun Schmid