Suche

Gebrauchtmobiliar


Optimierung der Erfassung von Gebrauchtmobiliar mit dem Ziel einer Erhöhung der Wiederverwendungsquote

Nach dem Inkrafttreten der Technischen Anleitung Siedlungsabfall (TASi) sind die Kapazitäten in den Müllverbrennungsanlagen knapp geworden. Dieses Pilotprojekt leistet durch ein detailliertes zweistufiges Konzept zur Wiederverwendung von Gebrauchtmobiliar sowie explizite Handlungsempfehlungen für alle beteiligten Institutionen einen Beitrag zur Ressourcenschonung und Müllvermeidung in Bayern.

Das Pilotprojekt wurde aufgrund der bisher eher geringen Zahl von wirksamen Maßnahmen zur Abfallvermeidung vom Bayerischen Landesamt für Umwelt ins Leben gerufen. Da besonders im Bereich der Wiederverwendung von Mobiliar im Sperrmüll noch erhebliches Optimierungspotential besteht, war es das Ziel des Projektes, in repräsentativen bayerischen entsorgungspflichtigen Gebietskörperschaften (Region Augsburg, Stadt und Landkreis Würzburg, Landkreise Forchheim, Garmisch-Partenkirchen und Hassberge) Bedingungen und Lösungsansätze für eine ökonomisch und ökologisch effiziente Wiederverwendung von gut erhaltenem Gebrauchtmobiliar sowie eine größtmögliche stoffliche und energetische Verwertung von Sperrmüll zu evaluieren. Damit sollte gleichermaßen ein positiver Beitrag zur Erhöhung der Ressourceneffizienz und Entlastung der Beseitigungsanlagen geleistet, als auch ein ertrags- und beschäftigungspolitischer Effekt bei den in den Gebietskörperschaften beteiligten Trägern (insbesondere karitativen und gemeinnützigen Organisationen [KGOs]) geschaffen werden.

Im Rahmen der Ist-Analyse wurde in einem ersten Schritt in den o. g. Gebietskörperschaften die momentane Situation der Wiederverwendung von Gebrauchtmobiliar erfasst. Neben der Erfassung der strukturellen Rahmenbedingungen wurden hierzu die Mengenströme tatsächlich wiederverwendeter Möbel dem theoretischen Gesamtpotential (ca. 6 bis 7 % des Gesamtaufkommens) gegenüber gestellt und die logistischen wie organisatorischen Gegebenheiten der jeweils beteiligten KGOs ermittelt. Die erhobenen Daten und Prozesse wurden hierbei systematisch analysiert und dokumentiert. Hierdurch wurde einerseits sichtbar, dass die Entsorgungsprozesse in den untersuchten Gebietskörperschaften heterogen und stark an die örtlichen Gegebenheiten angepasst sind und somit die Möglichkeit, Möbel der Wiederverwendung zuzuführen, in unter- schiedlichem Maß unterstützt wird. Andererseits war die zum Zeitpunkt der Untersuchung realisierte Potentialabschöpfung durch die KGOs[1] auf den unterschiedlichen Grad der Professionalisierung der jeweiligen Geschäfts- prozesse zurückzuführen, der in den jeweiligen Einrichtungen sehr unterschiedlich war. So liegen erwartungsgemäß die Gebietskörperschaften, in denen die Best Practice[2] Einrichtungen angesiedelt sind, deutlich vor der Region Augsburg. Hier liegt die Wiederverwendungsquote zwischen 4,0% und 5,3%, während sie in der Region Augsburg nur 1,12% erreicht. Auch der durchschnittliche Grad der Potentialerreichung der KGOs liegt meist über 70%, während er in Augsburg nur etwa ein Drittel beträgt.

Zusammenfassend lässt sich somit sagen, dass es v. a. für Augsburg erhebliche Potentiale zur Verbesserung der Wiederverwendungsquote gab und immer noch gibt. In einem zweiten Schritt wurde für die beteiligten Körperschaften – aufbauend auf den Ergebnissen der Ist-Analyse – ein Soll-Konzept über notwendige, systematisierende Modifikationen unter Einbeziehung von Best Practice Beispielen und neuen Ideen für die bestehenden Prozesse erstellt, das v. a. zwei Handlungsfelder vorsieht, um die Wiederverwendungsquote von Gebrauchtmobiliar zu erhöhen. Diese liegen einerseits in der Berücksichtigung der Wiederverwendung im Entsorgungsprozess auf kommunaler Ebene (Makroebene), und zum anderen in einer Stärkung der Geschäftsprozesse der KGOs (Mikroebene).

Zunächst wurde für die Makroebene – deren Akteure neben den Bürgern, der Kommune, den KGOs und den Verwertern auch Akteure wie die ARGE (Beschäftigung) oder Bedürftige (Versorgung) sind – beispielgebend für alle bayerischen entsorgungspflichtigen Gebietskörperschaften ein speziell auf die Stadt Augsburg angepasstes Optimierungskonzept des Entsorgungsprozesses entwickelt (Augsburger Modell), das einen früheren Zugriff auf gebrauchte Möbel und eine stärkere Einbindung der KGOs vorsieht. Basierend auf der Tatsache, dass Möbel, sobald diese zur Abholung durch den Verwerter auf der Straße stehen, durch unsachgemäße Demontage, fehlende Teile oder Witterungseinflüsse für eine Wiederverwendung unbrauchbar werden, setzt das Augsburger Modell hierbei bereits direkt beim Entsorgungswunsch des Bürgers an. So soll der Bürger bereits vor der Demontage seiner Ansicht nach wieder verwendbare Möbel einer zentralen Koordinationsstelle melden. Diese schickt zum vereinbarten Termin ein Abbauteam einer KGO, das die Möbel beurteilt und je nach Bestimmung fachgerecht demontiert und verlädt.

Können Möbel nicht wiederverwendet werden, werden kleine Mengen Sperrmüll zusammen mit den wiederverwendbaren Möbeln transportiert und in den KGOs zwischengelagert, wo sie wöchentlich, nach Fraktionen getrennt, von einem Verwerter abgeholt werden. Dagegen werden größere Mengen fachgerecht am Straßenrand zur Abholung durch den Verwerter bereitgestellt, welcher avisiert und über die Mengen der einzelnen Fraktionen informiert wird. Aus diesem Vorgehen ergeben sich für Augsburg einige Vorteile. Durch die neue Serviceleistung, die gegenüber dem Bürger erbracht wird, steigt die Attraktivität der Wiederverwendung von Möbeln. Die Entscheidung über die Brauchbarkeit der Möbel wird dabei von Experten gefällt, so dass es zu keinen Ablehnungen von Möbeln seitens der KGOs kommt. Bei den Entsorgungsbetrieben sinken die Logistikkosten, da durch die zentralisierende Wirkung der Mitnahme von kleinen Sperrmüllmengen durch das Abholteam der KGO die Zahl der Abholstellen, speziell für kleine Mengen sinkt. Ferner wird durch die professionelle Trennung der Fraktionen der Ladeaufwand ebenfalls sinken.

Auf der Mikroebene bietet die Professionalisierung der Geschäftsprozesse innerhalb der KGOs einen vielversprechenden Ansatzpunkt. Hierbei konnte ein Standardprozess ermittelt werden, auf dessen Grundlage eine Modullandkarte für KGOs im Gebrauchtmöbelgeschäft entwickelt wurde. Es lassen sich innerhalb dieses Geschäftsprozesses das Kerngeschäft (Basismodule) und Zusatzgeschäfte (Add-ons) unterscheiden. Dabei sind unter dem Kerngeschäft diejenigen Aktivitäten zu verstehen, die für den Geschäftserfolg unbedingt erforderlich sind. Sie beziehen sich einerseits auf die „Supply Chain“, welche die Beschaffung der Möbel, deren Aufarbeitung und Lagerung sowie den Verkauf mit der Auslieferung und dem Aufbau der Möbel beinhalten, und andererseits auf die „Organisationsstruktur“ mit den Modulen Geschäftsführung, Controlling, Personalführung und Marketing. Bei den in der Modullandkarte als „Add-ons“ bezeichneten Zusatzgeschäften handelt es sich um Erweiterungen des Kerngeschäfts. Sie stellen eine Verbesserung des Serviceangebots für die Mitarbeiter dar, sind Differenzierungsmerkmale zu anderen KGOs oder dienen der Erschließung von alternativen Absatzmärkten zur Sicherung des Geschäfts- betriebs durch zusätzliche Einnahmequellen. Es sind in diesem Kontext Module in den Bereichen „Beschäftigungs-Add-ons“ (case management, Qualifikation, allgemeine Weiterbildung), „Geschäftsfeld-Add-ons“ (Aufwertung, Export), sowie „alternative Beschäftigungsfelder“ (Wohnungsräumung, Umzugsservice, Warenzukauf) denkbar. Da sich die KGOs aber sowohl in ihrer Größe als auch in ihrem Standort unterscheiden, sind die einzelnen Module nicht überall in gleicher Weise umsetzbar. Grundsätzlich sollte daher eine Anpassung auf die jeweiligen strukturellen Gegebenheiten stattfinden.

Zu den bei Antritt des Projekts in den untersuchten Gebietskörperschaften vorgefundenen Hindernissen, die eine Erhöhung der Wiederverwendungsquote erschweren können, gehörten lange Reaktionszeiten der KGOs sowie viele kleine Einrichtungen mit geringen Kapazitäten bzw. eine schwache Stellung der KGOs gegenüber den anderen Akteuren der Entsorgungswirtschaft. Bezogen auf die Wiederverwendungsbetriebe (KGOs) zählten Schwachstellen im eigenen Geschäftsprozess, wenig ausgeprägte Marketingstrukturen und vor allem die Konkurrenz unter den KGOs zu den größten Hindernissen.

Die Untersuchungen haben jedoch ergeben, dass die Kompetenzen der KGOs durch die unterschiedlich strukturierten Einrichtungen meist auf unterschiedlichen Gebieten des Geschäftsprozesses liegen, so dass eine Zusammenarbeit nicht nur Synergieeffekte für das eigene Geschäft, sondern auch eine gestärkte Position gegenüber den anderen Akteuren auf kommunaler Ebene (Makroebene) bedeuten würde. Als Erfolg kann daher die auf Umsetzung abzielende Mitwirkung der karitativ gemeinnützigen Organisationen (KGOs) an jenem Konzept gewertet werden, das auf den standardisierten Geschäftsprozess der KGOs aufgebaut und auf die Rahmenbedingungen der Region Augsburg angepasst wurde. Auf der KGO-Ebene beinhaltet dieses Empfehlungen für die operative Ausgestaltung der Marketinginstrumente Produkt-, Preis-, Distributions- und Kommunikationspolitik. KGO-übergreifend besteht es aus einem Kooperationsvorschlag für die Augsburger KGOs, basierend auf der Gründung eines Dachverbandes. Zweck des Dachverbandes ist in der Innenwirkung die Ausnutzung von Synergieeffekten mit Hilfe eines Kompetenz- und Erfahrungsaustausches. In der Außenwirkung soll die Marktposition der KGOs gegenüber externen Verhandlungspartnern gestärkt werden. Dies wird in erster Linie durch die Etablierung eines Qualitätssignals erreicht.

Nahezu ein Jahr nach dem Ende des Projekts sind in der beispielgebenden Region Augsburg bereits deutliche Verbesserungen erkennbar. Diese zeigen sich erwartungsgemäß vor allem in einer gestiegenen Professionalisierung der KGOs, die viele Elemente der Modullandkarte heute mit Erfolg einsetzen. Die implementieren Konzepte führten bereits zu einem erhöhten Durchlauf an Gebrauchtmöbeln, so dass man von einer Erhöhung der Wiederverwendungsquote für die Region Augsburg ausgehen kann. Ebenso haben zahlreiche Institutionen aus dem ganzen Bundesgebiet Interesse an den Ergebnissen des Pilotprojektes sowie an der Anwendung der erarbeiteten Konzepte gezeigt.

Derzeit sind für das Jahr 2008 keine weiteren universitären Aktivitäten zu diesem Thema vorgesehen. Die Umsetzung der Ergebnisse wird jedoch in den betreffenden Institutionen weiter- getrieben und vom Bayerischen Landesamt für Umwelt weiterhin unterstützt.

[1] max. Wiederverwendungsmenge ohne strukturelle Veränderungen in der betroffenen Gebietskörperschaft
[2] Unter Best Practice versteht man den Einsatz von bewährten und kostengünstigen Verfahren, technischen Systemen und Geschäftsprozessen.

Projektteam:
Projektleitung: Prof. Dr. Axel Tuma
Dipl.-Kfm. Alexander Uffinger