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Environmental Humanities an der Universität Augsburg


Projektleitung: Die Environmental Humanities haben sich in kurzer Zeit zu einem der wichtigsten und innovativsten neuen Paradigmen der Geistes- und Kulturwissenschaften entwickelt. Forschungszentren und Lehrprogramme der Environmental Humanities sind in Princeton, an der UCLA, der UCSB und an weiteren Standorten der nordamerikanischen und globalen Universitätslandschaft entstanden oder im Entstehen und fassen unter diesem Stichwort eine interdisziplinäre Beschäftigung mit ökologischen und umweltorientierten Problemen und Fragestellungen zusammen, die heute zu den zentralen Herausforderungen einer „Weltrisikogesellschaft“(Ulrich Beck) gehören und deren wissenschaftliche Erforschung in dieser Sicht genuine Aufgabe nicht nur der Natur- und Technikwissenschaften, sondern explizit gerade auch der Geisteswissenschaften/Humanities ist. Beispiele für solche Themenfelder sind
  • der Klimawandel und seine kontroversen Interpretationen; verschiedene Formen der Umweltbelastung und ihre politischen, gesellschaftlichen, gesundheitlichen Risiken;
  • die Frage von Handlungsoptionen im Anthropozän als einem vom Menschen dominierten geologischen Zeitalter, in dem techno-ökonomische Eingriffe in die Umwelt mit vermeintlichen Lösungen ständig neue Risiken erzeugen;
  • dringend benötigte Ansätze zu einem werteorientierten Umweltbewusstsein, das auch environmental justice, Diversität und Gender-Gerechtigkeit einbezieht und das in verschiedener Weise in Literatur, Philosophie, Kunst, Pädagogik, Ethnologie, Geschichte, Sprachwissenschaft, Ethik oder Theologie vermittelt wird;
  • die Verbindung von lokalen und weltweiten Implikationen ökologischen Denkens und Handelns als Alternative zu einem rein ökonomisch-expansiven Modell von Fortschritt und Globalisierung;
  • das Verhältnis von Mensch und nichtmenschlicher Natur, von anthropozentrischen und nichtanthropozentrischen Wertorientierungen in diachroner und synchroner Sicht;
  • die Rolle ökologischer Kommunikation in Texten und (neuen) Medien, einschließlich digitaler Kommunikationsformen;
  • nicht zuletzt auch der Beitrag der Geistes- und Kulturwissenschaften zum Thema Nachhaltigkeit, das wiederum kulturelle, ethische und ästhetisch-künstlerische Dimensionen hat.
Manche dieser Aspekte grenzen an bzw. überschneiden sich mit naturwissenschaftlichen und medizinischen Fragestellungen, gehen aber darüber hinaus im Sinn einer transdisziplinären Konzeption, die den Dialog zwischen Kultur- und Naturwissenschaften einbezieht (damit dem Konzept einer Netzwerkuniversität entsprechend), die aber zugleich den eigenständigen Beitrag der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer zu einer angemessen komplexen, d.h. sowohl vergangenheitsbewussten wie zukunftsorientierten Diagnose der Gegenwart ernstnimmt.

Environmental Humanities an der Universität Augsburg
Forschung im Bereich der Environmental Humanities ist auf disziplinübergreifende Zusammenarbeit auch dann angewiesen, wenn sie ihre Fragen in disziplinärer Perspektive formuliert. Zur Förderung solcher Zusammenarbeit, auch mit den Naturwissenschaften hat die Universität zentrale Einrichtungen geschaffen, wie insbesondere das Wissenschaftszentrum Umwelt und das Jacob Fugger Zentrum. Daneben gibt es thematisch fokussierte Initiativen wie etwa das DFG-Netzwerk Environmental Crisis and the Transnational Imagination und internationale Kooperationen, die gezielt im Bereich Environmental Humanities angesiedelt sind wie die Kooperation mit der Memorial University in Kanada (Environmental Philosophy), der Universität Turin (Prof. Serenella Iovino), der Universität Bern (Prof. Gabriele Rippl), der Bath Spa University in England (Prof. Kate Rigby). Disziplinäre Forschung zu Umweltthemen, etwa im Umweltrecht, in der Naturphilosophie oder in der Zeit- und Umweltgeschichte wird in Augsburg, dem Bayerischen Umweltkompetenzzentrum, seit Jahrzehnten gepflegt. Oft orientiert sich Forschung im Bereich der Environmental Humanities aber von vorn herein an transdisziplinären Paradigmen, von denen einige an der Universität Augsburg maßgeblich konzipiert und weiterentwickelt wurden. So wird etwa das Augsburger Konzept Literature as Cultural Ecology international rezipiert und ist Ausgangspunkt zahlreicher Forschungsprojekte im Bereich der Medienwissenschaften und der Literaturwissenschaften. Gefragt wird hier, wie die ökologische Krise in den Künsten und in der Literatur wahrgenommen und imaginiert wird; Literatur wird als sensibles Medium der kreativen Erneuerung gesehen, nicht als luxuriöser Dekor. Auch das Augsburger Stoffgeschichtenprojekt fokussiert auf Narrationen. Erzählungen über Stoffe und „Ressourcen“ und ihr „social life“ werden analysiert, in historischen und geographischen Studien untersucht. Stoffgeschichtliche Studien sind das sozial- und geisteswissenschaftliche Gegenstück zu den technisch-naturwissenschaftlichen Life Cycle Assessments. Politische und soziale Konflikte, aber auch kulturelle Dimensionen, die mit der Förderung, der Synthese und der Nutzung und Dissipation bestimmter Stoffe in verbunden sind, stehen im Fokus. Die Buchreihe „Stoffgeschichten“ wird seit 2004 vom Wissenschaftszentrum Umwelt der Universität Augsburg herausgegeben. Auch die Diskursanalyse bezieht Erzählungen und literarische Texte ein, sie ist als Forschungsmethode vor allem in der Geschichtswissenschaft und in der Soziologie präsent. Die Universität Augsburg ist eines der wichtigsten europäischen Zentren der sozialwissenschaftlichen Diskursanalyse, die hier besonders auf ökologische Narrationen etwa zum Klimawandel angewandt wird. In Augsburg wird auch die Zeitschrift für Diskursforschung herausgegeben, Umweltthemen stehen dabei oft im Fokus.
Zu den disziplinübergreifenden Forschungsfeldern ist schließlich auch die Umweltethik zu rechnen: an der Universität Augsburg wird der deutschlandweit einzige Masterstudiengang angeboten, der von einem gut etablierten, fakultätsübergreifenden Netzwerk von Universitätslehrern getragen wird.

Umweltbezogene Ethik ist auch ein Arbeitsschwerpunkt des Augsburger Instituts für Philosophie, ebenso wie Environmental Philosophy und Naturphilosophie. Die umwelthistorischen Forschungen an der Universität Augsburg haben ein ungewöhnlich breites Spektrum, denn sie werden sowohl im Bereich der Alten Geschichte wie auch im Bereich der Neuesten Geschichte, am Lehrstuhl für Geschichte der frühen Neuzeit ebenso wie am Lehrstuhl für europäische Regionalgeschichte durchgeführt, vielfach in Kooperation, wie etwa in dem von der Leibniz-Gemeinschaft geförderten Projekt zur Geschichte der Nachhaltigkeit, an dem das WZU beteiligt ist.

Nähe zu anwendungsrelevanten Fragestellungen haben insbesondere die Forschungen, die an dem Institut für Umweltrecht der Universität Augsburg, das 1991 gegründet wurden, durchgeführt werden. Auch die Forschungsprojekte der sozialwissenschaftlichen Kommunikationswissenschaft zeichnen sich oft durch besondere Anwendungsnähe aus, wie es etwa das Projekt zur klimaskeptischen Kommunikation beispielhaft zeigt.

Das große Institut für Geographie ist mit derzeit vier Lehrstühlen und fünf Professuren das Schwergewicht der Umweltkompetenz an der Universität Augsburg. Etwa jeder zehnte Studierende an der Universität Augsburg ist hier eingeschrieben. Dank ihrer Fachgeschichte verbindet die Geographie umweltnaturwissenschaftliche Methoden mit sozial- und geisteswissenschaftlichen Ansätzen. Schon die Gründer der modernen Geographie in Deutschland, Alexander von Humboldt und Carl Ritter verstanden sich sowohl als Geistes- wie auch als Naturwissenschaftler. Ansätze der Diskursanalyse lassen sich oft fruchtbar an geographische Fragen nach dem Mensch-Natur-Verhältnis anschließen ebenso wie umwelthistorische und umweltpolitische Analysen. Der Kern der geographischen Kompetenz ist der Raumbezug. Kartierungen, insbesondere thematische Kartierungen sind so etwas wie das Wahrzeichen der Disziplin. Sie lassen sich mit vielen Fragestellungen der Environmental Humanities fruchtbar verbinden und sichern ihnen eine besondere Nähe zu Anwendungen.

Internationale Vernetzung
Die Augsburger Forschung im Bereich der Environmental Humanities ist international ausgezeichnet vernetzt. Stellvertretend für mehrere ähnliche Kooperationen sei die Zusammenarbeit mit der kanadischen Memorial University of Newfoundland (MUN) in St. John’s genannt. In der Kooperation mit unseren kanadischen Partnern bearbeiten wir aktuelle Fragen der Environmental Humanities. Im Rahmen der Initiative For a New Earth fanden bereits mehrere gemeinsame Tagungen statt. Philosophiestudierende der Universität Augsburg erhalten die Möglichkeit, an der MUN einen Masterabschluss abzulegen. Eine Vereinbarung für gemeinsam betreute Dissertationen wurde unterzeichnet, den ersten PhD/Promotionsstudenten erwarten wir mit Shannon O’Rourke 2017 in Augsburg.
Ähnlich intensive Kooperationen gibt es auch mit französischen, us-amerikanischen und brasilianischen Universitäten.

Perspektiven
Die disziplinübergreifende gemeinsame Forschung und Lehre in den Environmental Humanities wird künftig gestärkt und intensiviert werden. Ausgangspunkt ist die Überzeugung, dass die Rolle der Geistes- und Sozialwissenschaften in der ökologischen Krise nicht darin besteht, einzelne kulturelle Aspekte nachträglich zur Problemdiagnose, die durch die Naturwissenschaften geleistet wurde, hinzuzufügen. Vielmehr trauen wir ihnen zu, dass sie ebenso fundamentale Beiträge wie die Naturwissenschaften zum Verständnis der Transformation der Biosphäre geliefert haben und weiter liefern werden und unser Verständnis des dramatischen geschichtlichen Umbruchs, in dem wir stehen, entscheidend vertiefen werden. Um die Environmental Humanities an der Universität Augsburg weiter zu stärken, wurde, nach einem initialen Workshop am WZU, eine Tagung zum Thema Regenerative Energie der Augsburger Environmental Humanities Gruppe in der Umweltforschungsstation Schneefernerhaus durchgeführt. Dabei wurden naturwissenschaftliche Aspekte und Beiträge bewusst einbezogen. Künftig planen wir jährlich solche Zusammenkünfte, die auch Nachwuchswissenschaftlern ein Forum geben sollen und werden Sorge tragen, dass der inspirierte Austausch dort, wo es sich anbietet, zu disziplinübergreifenden Forschungsprojekten weiterentwickelt wird und zugleich die Lehre bereichert.

Environmental Humanities verstehen wir nicht als Gegenprojekt zu den Umweltnaturwissenschaften, sondern als notwendige Ergänzung – jedoch auf Augenhöhe. Mit ihren präzisen Methoden und ihrer Kompetenz für soziale und kulturelle Zusammenhänge verfügen die Environmental Humanities über einen autonomen Zugang zur Umweltthematik. Sie sind in der Lage, die ökologische Krise selbst zu denken und können gerade durch ihre autonome, wenn auch nicht selbstgenügsame Methodik wichtige Beiträge zum Verständnis liefern. Wirksame Naturpolitiken können ohne Berücksichtigung sozialer und kultureller Tatsachen nicht konzipiert werden.

Anhang I: Literatur für eine erste Orientierung zum Thema:

Sabine Wilke. “Environmental Humanities.” Ecocriticism. Eine Einführung. Köln etc, Böhlau 2015: 94-106

„The Emergence of the Environmental Humanities,“ Swedish Association for Strategic Environmental Research: http://www.mistra.org/download/18.7331038f13e40191ba5a23/Mistra_Environmental_Humanities_May2013.pdf

The Environmental Humanities Initiative, University of California, Santa Barbara: http://ehc.english.ucsb.edu/

The Environmental Humanities International Research Group Turin http://www.dipartimentolingue.unito.it/contents/os-researchgroups-environmentalhumanities.asp

Homepage Augsburg Cultural Ecology Research Group https://www.philhist.uni-augsburg.de/en/lehrstuehle/anglistik/amerikanistik/forschung1/culturalecology/

Anhang II: Neuere Publikationen

Bilandzic, Helena und Jens Soentgen: „Die Struktur klimaskeptischer Argumente. Verschwörungstheorie als Wissenschaftskritik.“ In: Gaia – Ökologische Perspektiven für Wissenschaft und Gesellschaft, Bd. 23, 1/2014, S. 40-47. Ausgezeichnet mit dem Gaia Best Paper Award 2014.

Böschen, Stefan, Armin Reller und Jens Soentgen: „Stoffgeschichten – eine neue Perspektive für eine transdisziplinäre Umweltforschung.“ In: GAIA 13, 2004, no. 1, S. 19-25

Dürbeck, Gabriele, Urte Stobbe, Hubert Zapf und Evi Zemanek, eds. Ecological Thought in German Literature and Culture. Lanham, MA: Lexington Books, 2016 (mit einem Kapitel von Jens Soentgen über Stoffgeschichte)

Hahn, Hans-Peter, Karlheinz Cless und Jens Soentgen: People at the well. Kinds, usages and meanings of water in a global perspective. Frankfurt am Main: Campus Verlag 2012.

Krauss, Marita, Stefan Lindl und Jens Soentgen: Der gezähmte Lech. Fluss der Extreme. Volk Verlag München 2014.

Müller, Timo und Michael Sauter, eds. Literature, Ecology, Ethics. New Trends in European Ecocriticism. . Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2012.

Reller, A., ; Dießenbacher J. (2015): Are There Enough Resources for Our Lifestyle? How Resource Strategy Leads From Wasting Materials to Using Them In: Stebbing P., Tischner U. Changing Paradigms: Designing for a Sustainable Future. Verdana Arts 156-166.

Rauch, T., Schmidt, M. & D. Segebart (2014): New rural dynamics and challenges in the Global South. Geographica Helvetica 69 (4): 225-226.

Schliephake, Christopher: Urban Ecologies – City Space, Material Agency, and

Environmental Politics in Contemporary Culture (Environmental Theory and Practice). Lanham, MD: Lexington, 2014.

Seefried, Elke: Rethinking Progress. On the Origin oft he Modern Sustanability Discourse, 1970-2000, in: Journal of Modern European History, Vol. 13, 2015/3, p. 377-399.

Soentgen, Jens: Hot air: The science and politics of CO2. In: Global Environment, Bd. 7, März 2014, S. 134-171.

Wehling,Peter/Viehöver, Willy/Keller, Reiner (2005): Wo endet die Natur, wo beginnt die Gesellschaft? Doping Genfood, Klimawandel und Lebensbeginn: die Entstehung kosmopolitischer Hybride. In: Soziale Welt Heft 2/3, 56 Jg. S.137-158.

Wehling, Peter/Viehöver, Willy/Keller, Reiner/Lau, Christoph (2007): Zwischen Biologisierung des Sozialen und neuer Biosozialität: Dynamiken der biopolitischen Grenzüberschreitung. In: Berliner Journal für Soziologie 17, S. 547-567.

Viehöver, Willy (2010): Governing the Planetary Greenhouse in Spite of Scientific Uncertainty. In: Science, Technology & Innovation Studies Vol. 6, No. 2, 127-154.

Zapf, Hubert, ed. Kulturökologie und Literatur. Ein transdisziplinäres Paradigma der Literaturwissenschaft. Heidelberg: Winter, 2008.

Zapf, Hubert. Literature as Cultural Ecology: Sustainable Texts. London etc.: Bloomsbury, April 2016

Zapf, Hubert, ed. Handbook of Ecocriticism and Cultural Ecology. Berlin: De Gruyter, April 2016.

Anhang III: Projektbeispiele

Environmental Crisis and the Transnational Imagination (DFG Netzwerk) (Verantwortlich PD Dr. Timo Müller) http://www.philhist.uni-augsburg.de/de/lehrstuehle/anglistik/network/

DFG-Projekt zu Fracking am LST für Soziologie (Reiner Keller)

Leibniz Projekt Geschichte der Nachhaltigkeiten (Institut für Zeitgeschichte / WZU / LST für europäische Regionalgeschichte)